Carl Heupel

Carl Heupel

 

Das Kirchlein am Kaiserbach

 

In Geschichte und Geschichten

 

Dieses rustikale, idyllisch gelegene kleine Gotteshaus entbehrt nicht jeder Mythe oder Legende. Zumindest für den Dichterpfarrer, der während des letzten Krieges öfter dort predigte, war diese, im Äußeren schlichte, im Inneren überraschend liebliche, St. Johannes – Baptist – Kapelle von besonderer Ausstrahlung. Das Gebäude von franziskanischer Einfachheit steht am Nordrand von Appenhofen, für das August Becker in seiner großen Pfalzbeschreibung gerade nur einen Satz übrig hatte. Im Wiesenteich überragt es einen Kranz von lichten Bäumen. In der Nähe schlängelt sich der Kaiserbach, in dem –wie die Sage wissen will- die staufischen Kaiser Forellen fingen. Heute säumt den einst „herrschaftlichen“ Bach ein im Jahre 1991 angelegter Naturlehrpfad. Dieser 9,5 km lange grüne Weg führt stellenweise durch eine wahre „Erlkönigslandschaft“, deren Portrait Klaus Brauner aufschlussreich gezeichnet hat.

 

Bevor der Blick auf die mit gotischen Bauelementen versehene Kapelle gerichtet wird, tritt man in das helle, freundliche Innere. Der Besucher sucht jene Stelle auf, von der aus wir ein Schau – Erlebnis des erwähnten Pfarrers uns noch einmal buchstäblich vor Augen führen wollen. Es ruht, wie auch ein später folgendes, noch ungedruckt im Nachlass. – Als ob wir magische Kraft besonderer Dinge spürten, wenden wir uns zuerst zum Chorstuhl, der gleichsam zum archimedischen Punkt seiner Vision geworden ist:

„Als ich an einem Sommermorgen beim Gottesdienst im alten Kirchlein zu Appenhofen im Chorstuhl der Orgelmusik lauschte, sah ich draußen vor dem gotischen Fenster plötzlich eine fremde Gestalt stehen, die neugierig ins Kircheninnere hereinschaute. Wie ich dann schärfer hinsah und überlegte, wer das sein könne, dachte ich zunächst an einen zu spät gekommenen Kirchenbesucher, dann an einen gerade vorbeigehenden Spaziergänger, den die warme Sonne, die auf den blühenden Wiesen lag, hervorgelockt hatte. Meine Vermutungen bewahrheiteten sich jedoch nicht, wie ich gleich erkannte: Der fremde Gast hatte als Besonderheit ein geschlossenes und ein strahlend schimmerndes Auge. Er war in ein graues Gewand gekleidet, von dem nur die obere Hälfte zu sehen war, die in einen dunkelblauen Kragen auslief. – Nach einigem Nachdenken wurde mir auf einmal klar, dass der geheimnisvolle Wanderer niemand anderes als Odin, der große Gott unserer Altvorderen, sein konnte.“

Zog der uralte Totengott, als wilder Jäger Wodan einst von Raben und Wölfen begleitet, nun als verachteter Flüchtling, ohne den üblichen Sturmhut durch unsere Wälder? Fristete er sein Dasein jetzt im Odenwald (= Odinswald) oder gar auf dem Orensberg, den manche als Odinsberg deuten? Hat der nordische Asenführer und Runenfinder diesen einst ihm heiligen Hain besuchen wollen, den die Christen mit einem steinernen Kulthaus überbaut haben? Oder hat er auf seinem Gang nach „Appon-hova“ seine toten Helden in den unweit gelegenen merowingischen Gräberfeldern auf dem mittleren Hochwingert besucht? Hat er sie, trotz seinem nur noch schwachen Windgebraus, trösten wollen, weil ihnen Walhall versagt blieb, obwohl sie, wie die Fachleute versichern, noch ganz nach Heidenart bestattet worden seien? Die freilich paradoxe Erscheinung des „Odin am Kirchenfenster“ muss man auf dem Hintergrund der damaligen Suche nach den nationalen Wurzeln sehen, wie sie seit der Romantik vor allem in Deutschland vorging. Während dieser rührigen „Germaurdeutscher Weltanschauung wie Jakob Grimms „Deutsche Mythologie“ und Richard Wagners „Ring der Nibelungen“ einen tiefwirkenden Einfluss aus. Zwar konnten sie weder das strahlende Licht Homers, noch die Verheißungen der Bibel verdrängen; sie schärften aber unbestreitbar den Blick für Ureigenstes.

 

In diesem Strom der Besinnung auf das Germanentum war auch unser betont „deutschorientierter“ Theologe, mit allerdings weitem Horizont, aufgewachsen. Der Problematik um die Integration des Fremden ins Eigene war er sich wohl bewusst. Sein Gesicht, das ihm in einem schöpferischen Augenblick im Chorstuhl dieses Kirchleins „Widerfuhr“, ist, wie aus seinen Schriften hervorgeht, eher als Frucht seiner vielfältig verknüpfenden Phantasie, denn als ketzerische Herausforderung zu verstehen.

Doch auch die greifbare Historie der Umgebung des Kirchleins weist allenthalben auf Germanisches und Frühchristliches. Schon der Name Appenhofen leitet sich wie die Forscher Dolch und Greule nahgewiesen haben, nicht, wie früher behauptet, von Abt, sondern von dem franken APPO her. – Auch eine zweiten Mär soll hier widersprochen werden: Die Flurbezeichnung „Im Kloster“ sowie der gefundene Grenzstein mit dem Abtsstab beweisen nicht die einstige Existenz eines Klosters in der Appenhofener Gemarkung, sondern lediglich dortige Besitztümer des Klosters Klingenmünster-.

 

Und besonders identitätsstiftend für das Dorf ist die Beziehung zum Kloster Weißenburg, da eine Schenkungsurkunde des fränkischen Edlen namens Siegbald die erste schriftliche Erwähnung Appenhofens enthält. Sie stammt aus dem Jahr 774. Damals die Zeit Karls des Großen, also längst nicht mehr die des guten Königs Dagobert, dessen Geschichte sich recht sagenhaft um die nahe Landeck rankt. – Jene Erwähnung hat Siegfried Vater im Dorf bekannt gemacht. – Doch mit demselben Kloster Weißeburg hat, zumindest mittelbar, auch unser Kirchen Geschichten Erzähler zu tun, hat er doch seinen Sohn nach dem berühmten Dichtermönch Otfried aus dem 9. Jahrhundert genannt, mit dem er sich nachweislich öfter beschäftigte.

 

Endlich müssen wir das Kirchlein etwas genauer von außen betrachten: Dass dessen Mauern zumeist aus verfugten fast rohen Sandsteinen bestehen, ist wohl der beste Nachweis für die Gesinnung des Erbauers, nicht nach den stolzen Domen zu schielen. Daher ist ja auch die Fassade, sonst der beliebteste Ort für Ornamentik, fast ohne jeden Schmuckes, wenn man von dem nach unten gekehlten Gesims, über dem „Ochsenauge“ in die Umgebung lugt und in dem roten Sandstein fein geschnittenem spitz zulaufenden Türsturz absieht. Nur an der Chor- und an de vorderen Südseite wird die sonstige Strenge durch je ein Fenster mit schönem Gotischem maßvoll durchbrochen.

Dasjenige auf der Chorseite, die meist eine dekorative Wand darstellt, ist mit einem Vierpass – Blumen – Motiv, das zweite sogar mit einer spätgotischen Fischblase versehen. Dazu stehen die gewaltigen den Chor flankierenden Stützmauern in sicherem Gegensatz. Sie verraten den ewig unfesten Wiesenuntergrund, der aber mit seinem grünen Gewand um das Kirchlein wiederum versöhnt. Für die Verbindung zum Himmel bürgt als Glockenturm ein mächtiger Dachreiter, auf dem ein Hahn, das weltweit verbreitete Lichtsymbol, stolz über der Gemeinde wacht.

Als besonderes Zeichen dürfte das eiserne Doppelquerbalken – Kreuz am unteren Rand des Pultdaches der geosteten, nicht eingebogenen Chorwand gelten. Wer hat es denn schon gesehen? Recht unauffällig für den Betrachter steht es an der rechten Jerusalem ausgerichteten Ostseite. Weist es auf das einst ganz, jetzt nur noch selten simultan benützte „Haus des Herrn“, welches der griechische Ursinn von Kirche ist.

 

Was die liturgische Einrichtung angeht, hat offensichtlich der Wechsel von katholisch nach reformiert und evangelisch gleichsam eine Neutralisierung bewirkt, das Hostiengehäuse, Ewiges Licht, Andachtsbild, Madonna, Beichtstuhl...sind der Bilderfeindlichkeit der Calvinisten zum Opfer gefallen. Wenigstens hängt rechts ein recht großes Kruzifix an der Chorwand, mahnend auf die andächtige Gemeinde blickend. Seine auffällig weiße Farbe mag sowohl Totenblässe als auch Reinheit ausdrücken.

 

Weitere Besonderheiten am Äußeren der Kapelle fallen auf: die eigenartige Aushöhlung im rechten Türrahmen. Wozu war diese kinderkopfgroße Kuhle bestimmt, denn sie scheint nicht durch Zufall entstanden zu sein? Schließlich harrt auf der Südseite eine Sonnenuhr schon lange ihrer Vollendung. Einst hätte ein interessiertes Schulmeisterlein diese Aufgabe übernommen. Sein Haus steht ja noch schräg gegenüber. – Fast unter der noch zeitlosen Uhr steht ein Steinkreuz: Es ist als letzte Spur des einstigen Kirchhofs, dem aus dem Badischen gekommenen Andreas Bischof gewidmet, der 1753 in die Obermühle eingeheiratet hat. Ihre Geschichte hat der Südpfalz – Geschichtler August Brauner geschrieben.

 

Treten wir noch einmal in das Kircheninnere, wo wir als Besonderheiten, neben dem auffällig tief angesetzten Kreuzrippengewölbe im Chorraum, die für unser Vorhaben wichtigen Einrichtungsstücke, Chorstuhl und Kanzel –als Anschauungshilfe- uns näher ansehen wollen. Im ersteren ist, fast aufdringlich, die Jahreszahl 1612 eingekerbt. Das ist in etwa auch die Zeit nach der Gründung der nahen Unter- oder Kreuzmühle, die ja, mit der bereits erwähnten Obermühle, schon jahrhundertealte „Kinder des Kaiserbachs“ sind. Dass das fast von ihm bespülte Kirchlein nicht auf erhabener Höhe, sondern im Talgrund liegt, würde gut zu einer Zisterzienser – Gründung passen. Dieser großartige Bete-und-arbeit-Orden hatte bekanntlich den Fisch, ein christliches Ursymbol, ebenso verehrt wie verzehrt.

Offenbar lässt sich als Zeitangabe im Kirchlein nur das Jahr 1573 in recht versteckter Einritzung am steinernen Kanzelfuß erkennen. Sie muss aber nicht das Alter des Gebäudes angeben, sondern wird wohl nur das Datum der Erstellung der schlicht gehaltenen Kanzel bedeuten. Stiftungsangaben sind gewöhnlich auffälligeren Stellen vorbehalten.

Jenseits der oben erwähnten Wunschvorstellung, könnte man sich die „Ritter von Appenhofen“, die als Konrad und Dietz gegen Ende des 13. Jahrhunderts in Gerichtsangelegenheiten auftauchen, als Stifter oder Erbauer denken, wenn nicht die bald darauf folgenden Ochsensteiner in Frage kommen.

Kirchenstiftungen im Mittelalter waren ja Ehrenpflichten des Adels oder des Klerus, während der Bau selbst nicht selten Leibeigene in Frondienst errichten mussten. An dieser Stelle sei ein verwaltungskuriosum und eine erhellende Statistik eingeflochten: Appenhofen war für rund 300 Jahre in eine weltliche (die Landschade in Steinach) und in eine kirchliche Herrschaft (das Bistum Speyer) aufgeteilt, bevor es 1709 unter Kurpfalz wieder vereinigt wurde. Auch unter ihren Fittichen waren im Jahr 1770 alle 115 Einwohner noch Leibeigene. Kein Wunder, dass die Französische Revolution von vielen Pfälzern begrüßt wurde.

 

Wie angedeutet, spielen Chorstuhl und Kanzel eine wichtige Rolle in der von dem Pfarrer Hellmut Cullmann aufgezeichneten wunderlichen Humoreske:

„Im Kirchlein zu Appenhofen schlief einmal im Chorstuhl ein Pfarrer ein, der sich zu sehr den Klängen des Orgelspiels hingegeben hatte. Nachdem er schließlich aufgewacht war, stieg er eiligen Schrittes auf die Kanzel und glaubte, unter sich lauter Menschen zu haben, die er nicht kannte und die ihn auch nicht zu kennen schienen. Da die Leute einen Gastpfarrer in ihm vermuteten, hörten sie ihm andächtig zu. Nur der Organist wunderte sich, dass der Pfarrer schon auf der Kanzel obwohl er mit dem Vorspiel noch nicht begonnen hatte.

Des fremden Pfarrers Blicke waren von auffälliger Nachdenklichkeit. Als er seine Predigt beendet hatte, schlug er ein Lied vor. Das aber nicht im Chorbuch stand. Da auch der Organist es vergeblich suchte, schickte erden Kirchendiener hinunter, um den Pfarrer wissen zu lassen, bei dem Lied müsse es sich um einen Irrtum handeln.

Inzwischen kam schnaufend und schwitzend, der eigentliche Pfarrer der Gemeinde angebraust. Ausgerechnet an diesem Morgen hatte er Verspätung. Üblicherweise begann der Glöckner erst zu läuten, wenn de Pfarrer in die Kirche eingetreten war, diesmal hatte der Organist schon angefangen, weil er im Chorstuhl den Pfarrer zu erkennen geglaubt hatte. Als aber der gerade angekommene Pfarrer jemand im Chorstuhl sitzen sah, war er verdutzt und sogleich neugierig, wer der Kollege sei. War es gar jemand von der Kirchenregierung, der den Gottesdienst rechtzeitig begonnen hatte? Durchs Kirchenschiff hastend, gewahrte er schließlich einen würdigen Greis, der gerade mit dem Kirchendiener sprach. Gleich ging er auf ihn zu und stellte sich vor. Der ehrwürdige Herr tat es seinerseits in altmodische Weise.

In diesem Augenblick war es mucksmäuschenstill in der Kirche geworden, auch der Organist hatte sein Vorspiel eingestellt, eben weil der Kirchendiener zurückgekommen war und er selber die beiden Pfarrer miteinander sprechen sah. Er verstand, dass der falsche Pfarrer den richtigen fragte, in welchem Jahr er eigentlich stünde. Auf dessen Antwort hin rief der Fremde verwundert aus, dann habe ich ja hundert Jahre geschlafen! Welch eine zünftige Lehre hat Gott der Herr ihm erteilt!

Weil man glaubte, einen Verwirrten vor sich zu haben und in der Gemeinde eine spürbare Unruhe entstand, ließ der richtige Pfarrer einen Schlussversuch. Dann sprach er von einem merkwürdigen Zwischenfall, der geklärt werden müsse und erteilte der Gemeinde den Segen.

Als das Kirchlein sich geleert hatte und die beiden Pfarrer zum Ausgang gingen, geschah noch einmal etwas Eigenartiges.: Die Gestalt des fremden Pfarrers verschwand zusehends vor den Augen aller gespannt wartenden Kirchenbesuchern. Zur Lösung des Rätsels schlug man später in den Kirchenbüchern nach und fand dort wirklich die Bemerkung über einen Pfarrer namens Schlafendahl, der in dem Moment eingeschlafen sei, als er die Predigt hätte beginnen sollen. Die Angabe stimmte mit der des fremden Pfarrers überein. Gottselig sei jener im Herrn entschlafen und unter Teilnahme einer großen Trauergemeinde auf dem alten Friedhof zu Grabe getragen worden.

War er wirklich gestorben? Man fand schließlich zu der Erklärung, dem alten Pfarrer habe es auch im Grabe keine Ruhe gelassen, dass er seine wohlvorbereitete Predigt nicht habe halten können. Um des Friedens seiner eigenen Seele willen und als Mahnung an alle Kirchenschläfer, die Pfarrer nicht ausgenommen, glaubte er die Predigt unbedingt nachholen zu müssen. Ob der Ausdruck Kirchenschläfer hier in übertragener Bedeutung zu verstehen ist?

 

Zum Schluss genehmige man uns, in bezug auf den vorgestellten Gegenstand und seine möglichen Liebhaber, ein kurzes Bekenntnis: Im Sinne von Stifters „Sanftem Gesetz“ und eingedenk des vor beinahe einem halben Jahrhundert verstorbenen hier noch einmal zu Wort gekommenen Pfarrersdichters, der in hohem Maße dem Einfachen und Ländlich – Bukolischen sich verschrieben hatte, bekennen auch wir uns – die Wahl des Themas mag dafür zeugen! – zu der Devise:

„Auch im Kleinen das Große sehen!“